Wenn ihr eine Demo organisieren wollt, macht es Sinn, sich vorher ein paar Gedanken zu machen. Demos sind Riesenprojekte, ihr braucht zuverlässige Leute, eine Menge Zeit, gute Ideen und Geld. Überlegt euch gut, ob ihr das stemmen könnt und wollt. Dafür gibt es natürlich für kaum etwas so viel Aufmerksamkeit, Feedback, Motivation und eventuell neue Interessierte wie für eine Demo!

Falls ihr euch also dafür entscheidet, haben wir als Hilfe ein paar Überlegungen als Art Checkliste zusammengestellt, um es etwas übersichtlicher zu machen – es müssen ja nicht alle dieselben Fehler machen. Die Liste ist lang und vielleicht erklärt sich vieles von selbst, aber es kann ja auch nicht schaden, sich das mal durchzulesen…

Zur Planung:
– Thema überlegen – Titel der Demo, inhaltliche oder praktische Ausrichtung
– Anmeldung – soll die Demo angemeldet werden oder offiziell spontan durchgeführt werden? Grundsätzlich gilt: Eine Demo muss von einer Einzelperson angemeldet werden, in der Regel spätestens 48h vor Beginn. Vor dieser Anmeldung darf sie offiziell nicht öffentlich gemacht werden. Wenn es kurzfristige Entwicklungen gibt (also z.B. einen Angriff auf ein Flüchtlingsheim durch Nazis), sind auch Spontananmeldungen möglich. Auch dann braucht ihr aber einen Anmelder. Wenn ihr euch völlig ohne Anmeldung versammelt, ist sowohl die Versammlung als auch Werbung dafür im Vorab nicht legal. Ob die Polizei dann die Demo direkt auflöst oder toleriert, ist Glückssache. Versuchen kann man`s natürlich trotzdem.

Pro Anmeldung:
Ihr habt eine sichere und abgesprochene Route, mit der ihr kalkulieren könnt. Ihr wisst, was auf euch zukommt und werdet nicht von den Forderungen der Polizei am Tag X total überrascht sein. Ihr könnt eure Demo wie geplant (jedenfalls wenn ihr es im Gespräch mit den Bullen durchkriegt) machen, d.h., die Polizei kann in der Regel nicht mit dem Hinweis auf den Verkehr oder Weihnachtsmarkt argumentieren, dass sie die Sicherheit nicht gewährleisten können und die Demo deshalb abbrechen. Ihr könnt die Demo im Vorhinein vernünftig bewerben – eine spontane, nicht angemeldete Demonstration kann vorher natürlich nicht öffentlich beworben werden

Contra Anmeldung:
Für eine Anmeldung müsst ihr einen Volljährige haben, der natürlich unter seinem realen Namen als Anmelder auftritt – das heißt auch, Vorabgespräche mit der Polizei führen, dadurch polizeilich bekannt zu werden, im schlimmsten Fall im Nachhinein rechtlich verantwortlich gemacht werden, wenn Straftaten passieren, die geplant wirken. Demos kann man auch spontan durchführen, ist dann aber oft viel eingeschränkter, weil die Cops immer argumentieren können, dass sie z.B. den Verkehr nicht schnell genug umleiten/die Sicherheit nicht gewährleisten können etc.

– Aufruf schreiben mit inhaltlicher Auseinandersetzung (darin sollte vorkommen, warum ihr demonstriert, wogegen, wofür und wer ihr seid, damit Nebenstehende kapieren, um was es geht. Gut ist es dabei immer, nicht zum politischen Rundumschlag auszuholen, sondern möglichst konkrete Fälle/Gegebenheiten zu haben)
– Leute – ihr solltet einschätzen, wie viele Leute ihr für die Durchführung braucht (z.B. einen Anmelder, einen, der ihn unterstützt, einen Fahrer für den Lautsprecherwagen, einen oder mehrere Sprecher, der die Reden vorliest und die nötigen Durchsagen machen kann, Ordner die am Rand laufen, zuverlässige Leute, die in der ersten Reihe laufen…)
– Geld – ihr solltet überlegen, wie viel Geld ihr braucht (z.B. für Plakate, Flyer, Transparente, einen Leihwagen als Lautsprecherwagen, Lautsprechertechnik, ein Megafon) und Geldquellen überlegen
– Route überlegen – was macht Sinn? Führt die Route dorthin, wo ihr hin wollt (z.B. dem Naziladen, Ausländerbehörde…)? Falls diese Route nicht erlaubt wird, was wäre die Ausweichroute? Wo soll die Auftaktkundgebung sein, wo eventuell ein Zwischenstopp, wo das Ende? Kommt ihr überall gut mit dem Lautsprecherwagen oder/und der Breite der Transparente hin? Sind keine Pöller etc. im Weg? Kommen vom Endpunkt alle gut wieder weg? Meistens macht es Sinn, einen Rundweg zu wählen. Falls ihr eine Gegendemo zu einem Naziaufmarsch plant, hat es sich bewährt, auf einem Stadtplan sowohl die Naziroute als auch eure zu markieren, die Nummer eines EA dazuzuschreiben und diesen Flyer dann auf der Demo zu verteilen.
– Transparente malen (möglichst verschiedene zum selben Thema. Sehr gut klappt es, eine Vorlage am PC zu machen, sie dann auf Folie zu drucken und mit einem Projektor auf ein an der Wand aufgehängtes Bettlaken zu werfen, dann einfach Buchstaben/Bilder nachzeichnen, ausmalen)
– Flyer schreiben und drucken/kopieren (Titel der Demo, Datum, Zeit, Treffpunkt und Impressum nicht vergessen. Ohne einen V.i.S.d.P., Verantwortlichen im Sinne des Presserechts, können die Leute, die die Flugblätter verteilen, rechtlich belangt werden. Also überlegt ihr euch halt einen Namen ;). Kopieren geht schneller und ist billiger, drucken lassen ist teurer, sieht aber besser aus)
– Plakate entwerfen und drucken lassen (hier gilt dasselbe wie bei den Flyern!)
– Technik besorgen (Ob Megafon oder Lautsprecheranlage – immer checken, ob alle Teile beisammen sind und funktionieren. Ersatzbatterien mitnehmen)
– Auto als Lautsprecherwagen leihen/mieten (mieten hat den Vorteil, dass nachher das Auto vom Freund oder Papa nicht als Antifakarre wiedererkannt wird, ist aber natürlich teuer. Vielleicht tut es auch ein gutes Megafon? Falls ihr ein Auto mietet, braucht ihr natürlich einen Fahrer und einen, der vor dem Auto läuft und aufpasst, dass niemand drunter landet. Ihr braucht Boxen und Spanngurte zur Befestigung auf dem Dach (Decken drunterlegen, damit nichts verkratzt!), einen Generator, eine Soundanlage, jemanden, der sich damit auskennt, und gute Musik! Übrigens Achtung beim Generator im Auto: Ihr solltet für gute Belüftung sorgen, bevor euer DJ eine Kohlenmonoxidvergiftung hat.)
– Werbekampagne/Mobilisierung (eine eigene Internetseite oder/und Facebook, Mundpropaganda, Flyer in linken Läden/alternativen Discos/Clubs/Schulen/Uni auslegen, Mails an alle Bekannten schreiben, Mails an andere Antifagruppen schreiben. Plakatieren gehen – natürlich nachts, mit Quasten, bereits angerührtem Leim und genügend Plakaten. Demos sollte man immer früh genug bewerben und aufpassen, dass dann kein anderer Termin im Umkreis ist, z.B. ein Naziaufmarsch in der Nachbarstadt)
– Pressemitteilung schreiben– etwa zwei Wochen vor der Demo solltet ihr die lokalen Medien in einer kurzen Pressemitteilung auf die Demo und euer Anliegen aufmerksam machen.
– EA organisieren (EA ist die Kurzform für Ermittlungsaussschuss und bedeutet, jemanden an einem möglichst nicht privaten Telefon sitzen zu haben, der für die Dauer eurer Demo Anrufe entgegennimmt. Die Telefonnummer wird am besten über Flugis und mehrere Lautsprecherdurchsagen bekannt gegeben. Wer verhaftet wird oder eine Verhaftung beobachtet, sollte sich dann dort melden. Der EA sammelt dann die Daten und leitet Verhaftungen an einen Anwalt weiter, der sich dann kümmert. Oder der EA ruft selbst bei der Polizei an, fragt nach, macht Druck, holt Infos raus. Ob ihr einen EA im Hintergrund braucht, müsst ihr überlegen. Bei manchen Aktionen ist es dringend nötig, da bei z.B. Gegenaktionen zu Naziaufmärschen eigentlich immer was passiert. Bei anderen Aktionen kann man abwägen. Sicher ist aber, dass ihr als Veranstalter euch dafür verantwortlich fühlen solltet, dass alle, die an eurer Demo teilnehmen wollen, heil wieder nach Hause kommen.)
– Sanitäter organisieren (hört sich wild an, meint aber nur, dass es z.B. bei Naziaufmärschen sinnvoll sein kann, Leute, die erste Hilfe leisten können, zu bitten, ein Erste-Hilfe-Pack mitzubringen und sich verantwortlich zu fühlen, falls ihre Hilfe gefragt ist. Immer gut: Eine Flasche mit Kochsalzlösung zum Ausspülen von Augen, die Pfeffergas abgekriegt haben. Wirkt Wunder.)
– Ordnerbinden machen – also Stoffstreifen, auf denen „Ordner“ steht, damit die Ordner von Polizei und Anderen identifiziert werden können. Dass es genügend volljährige Ordner gibt, ist immer eine Auflage der Polizei, manchmal werden vorab auch deren Personalien überprüft. Wie viele es sein müssen, ist unterschiedlich, man sollte im Extremfall mit einem Ordner auf 25 Leute rechnen, die Regel sind aber eher 1:50.
– Pressebinden machen – Leute von der Presse sollen zu Beginn zum Lautsprecherwagen/ Anmelder kommen und sich gegen Vorlage des Pressausweises eine solche Binde abholen und tragen. Niemand sonst sollte fotografieren, damit nachher eure Gesichter nicht auf Naziseiten zu sehen sind.
– Fotografen – wenn ihr für einen Indymedia-Bericht oder einen Text auf eurer Website Fotos haben wollt, solltet ihr im Vorab einen Fotografen bestimmen. Am besten ist jemand mit Presseausweis, weil der nicht so schnell von der Polizei verscheucht wird, wenn`s ernst wird. Bevor ihr die Bilder irgendwo reinstellt, solltet ihr alle erkennbaren Gesichter schwärzen oder verpixeln –dieses „Weltnetz“, von dem die Nazis immer reden, ist dasselbe Internet wie euers 😉
– Pressesprecher – häufig wird im Vorhinein oder während der Demo von Seiten der Presse die Nachfrage gestellt, an wen sie sich für einige Fragen richten können. Am besten ist es, wenn ihr im Vorhinein jemanden auswählt, der dafür zur Verfügung steht und sich ein paar Gedanken gemacht hat, was er beantworten will und was nicht.
– Melder – wer eine Gegendemo zu einem Nazisaufmarsch organisiert, sollte fairerweise Drohnen zur Verfügung gestellt bekommen. Da das leider nicht so ist, macht es Sinn, Leute dafür abzustellen, mit dem Fahrrad herumzufahren und zu gucken, wo die Nazis sind, was sie machen und wo eventuelle Lücken in den polizeilichen Absperrungen sind. Die Demo kann auf die Infos der Melder dann umso schneller reagieren – ob nun zum eigenen Schutz oder für eine spontane Änderung der Route.

Auf der Demo selbst:
– Früheren Treffpunkt vereinbaren (mindestens eine halbe Stunde vor Demobeginn), an dem sich alle Beteiligten, also Anmelder, evtl. Autofahrer, Technikzuständiger, Flyerverteiler und Ordner treffen. Route, Technik, verteilte Aufgaben nochmal durchgehen.
– Ordnerbinden und Pressebinden verteilen
– An die eigenen Aufgaben halten, Ruhe bewahren und ein Auge auf die Anderen haben, ob alles nach Plan läuft oder jemand Unterstützung braucht.
– EA-Nummer durchsagen, falls vorhanden.
– Im Nachhinein: Öffentlichkeitsarbeit. Direkt im Anschluss eine Pressemitteilung schreiben und eine Zusammenfassung auf eurer Internetseite veröffentlichen.

Probleme:
Es gibt einige schwierige Situationen, die auf Demos oft entstehen. Je mehr Gedanken ihr euch im Vorhinein macht, desto sicherer könnt ihr mit den Problemen dann umgehen. Im Folgenden einige Beispiele:
– Nazis – wie geht ihr damit um, wenn Nazis die Demo stören, am Rand auftauchen, Fotos machen etc.? Es kann Leben in die Bude bringen, wenn sich alle Demoteilnehmer auf sie stürzen. Weil das aber meist auch die Demo sprengt, ist es oft sinnvoller, wenn sich entsprechend viele Ordner und/oder zuverlässige Leute darum kümmern, indem sie den Nazis deutlich machen, dass es gleich zu einem anderen Szenario kommen könnte, wenn sie nicht schleunigst abhauen.
Ihr könnt diese Aufgabe natürlich auch der Polizei überlassen, solltet euch aber im Klaren darüber sein, dass ihr damit im Zweifelsfall auf Sand baut. Besser ist es, ihr könnt, wenn es nötig wird, selbst eingreifen.
– Fotografen – eine der undankbarsten Aufgaben der Ordner ist es, Fotografen im Blick zu haben. Dass jeder zweite Zuschauer mit einem Handy fotografiert, wird man nicht verhindern können. Wichtig ist es, Fotografen, die die Demo begleiten, freundlich und bestimmt anzusprechen, das Problem (Du könntest ja auch ein Nazi sein und uns später bedrohen) zu erklären und sich den Presseausweis zeigen zu lassen. Manchmal hilft nur der eigene Eindruck, um zu entscheiden, ob man das Fotografieren verhindern muss. Offensichtliche Nazis sollten verjagt werden, wenn man sich nicht sicher ist, kann man den Fotografen nerven, in dem man sich ständig vor der Kamera platziert.
– Durchsagen – spontane Durchsagen über Megafon oder Lautsprecher sind oft nötig, z.B. wenn Nazis am Rand stehen, die Polizei die Demo abfilmt usw. Seid vorsichtig mit dem, was ihr sagt, weil sonst der Anmelder rechtlich belangt werden kann. Z.B. ist es grundsätzlich sinnvoller zu sagen „da vorn stehen Nazis“ und „die Polizei filmt gerade uns als Teilnehmer ab“, als „jagt die Nazischweine“ und „vermummt euch!“.
– Fahnendiskussionen – nervig, aber nötig. Bevor ihr plötzlich mit Fahnen von Parteien, anderen Organisationen oder Staaten konfrontiert seid, die ihr nun wirklich nicht auf der Demo haben wollt, solltet ihr diese Diskussion im Vorhinein führen: Welche Fahnen sind okay? Könnt ihr dies im Vorhinein den entsprechenden Gruppen mitteilen? Wer geht auf der Demo freundlich, aber bestimmt auf Fahnenträger zu und bittet sie, einzupacken? Oft sind grundsätzliche Kompromisslösungen (gar keine Staatenfahnen oder Parteifahnen, weil das Anliegen der Demo nicht die Partei oder ein Staat ist!) weniger strittig als Einzelfallexempel.
– Zwischenfälle – Plötzlich knallt es spontan oder geplant, es gibt Schubsereien, Schlagstockeinsätze, Steinwürfe, Pfeffergas und Verhaftungen. Als erstes sofort den Anmelder die Demo auflösen lassen! Wenn der Tumult geplant aussieht und der Anmelder die Lage nicht „im Griff hat“, kann er sonst rechtlich belangt werden. Eine Auflösung muss per Durchsage verständlich bekannt gegeben werden. Ordner sollten dann ihre Ordnerbinden schleunigst entfernen.
Wichtig ist immer, trotz einer möglichen Auflösung der Demo darauf zu achten, dass kein wildes Durcheinander entsteht, in dem Leute von der Polizei umso leichter raus gegriffen werden können. Zusammenbleiben, ruhig bleiben und Ketten bilden macht Sinn.
Bei Verhaftungen sollte möglichst gefilmt werden und der Name des Verhafteten erfragt werden und dem EA Bescheid gegeben werden, wenn ihr einen habt. Wenn nicht, heißt es jetzt, spontan einen Anwalt zu organisieren, der im Präsidium anruft, die Anzahl und Namen der Verhafteten erfragt und der Polizei signalisiert, dass er ein Auge auf die Leute hat. In jedem Fall solltet ihr euch verantwortlich fühlen, die Festgenommenen später auf dem Präsidium abholen und ihnen Unterstützung anbieten.